Mit Pinsel und Skalpell

Was macht eigentlich eine Gemälde-Restauratorin? Mit welchen Materialien arbeitet sie, um Bilder zu neuem Leben zu erwecken? Ein Blick hinter die Kulissen.

Anja Brigitta Jacobsen ist freiberuflich als Restauratorin für das Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte Oldenburg tätig. Ihr Interesse an ihrem heutigen Betätigungsfeld wurde bei einem Schulpraktikum in einem Architekturbüro geweckt, das die Restaurierung des Hamburger Rathauses betreute. Nach dem Abitur studierte Jacobsen Konservierung und Restaurierung an der Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst in Hildesheim und spezialisierte sich auf Gemälde und gefasste Holzskulpturen. Sie lebt in Hannover, wo sie eine eigene Werkstatt führt.

Was gefällt Ihnen an der Arbeit einer Restauratorin?
Jacobsen: Die Mischung aus künstlerischer und handwerklicher Arbeit mit einem großen Anteil an wissenschaftlicher Arbeit macht meinen Beruf für mich besonders interessant. Die Sammlung des Landesmuseums ist besonders spannend, da sie so viele unterschiedliche Kunstobjekte beinhaltet, die in beeindruckenden historischen Räumen präsentiert werden.

Was sind Ihre Aufgaben als Restauratorin für das Landesmuseum?
Jacobsen: Ich restauriere häufig Werke, die in Sonderausstellungen präsentiert werden sollen. Objekte, die lange im Depot waren und vorher nicht gezeigt wurden, müssen in einen konservatorisch vertretbaren und ästhetisch ansprechenden Zustand gebracht werden. Wenn neben diesen Aufgaben Zeit ist, schaue ich durch die Sammlung, ob der Zustand der Objekte in Ordnung ist, ein Besucher versehentlich etwas beschädigt hat, ein Bild im Rahmen verrutscht ist oder ein Exponat sich so verändert hat, dass es eine unschöne Oberfläche bekommen hat. Ich bearbeite aber nicht nur Gemälde hier im Landesmuseum sondern auch Holzskulpturen und bin auch Ansprechpartnerin für die Restaurierung im Bereich Kunstgewerbe.

Wie lange dauert eigentlich eine durchschnittliche Gemälderestaurierung im Landesmuseum?
Jacobsen: Bei dem Gemälde "Haus am Wannsee" von Max Liebermann, das in der Kabinettschau "Liebermann - Gurlitt" im Prinzenpalais hing, war mir zum Beispiel aufgefallen, dass noch kleine Kratzer restauriert werden müssen und die Oberfläche noch einmal gereinigt werden muss. Dafür war das Gemälde nur wenige Tage bei mir in der Werkstatt. Außerdem habe ich den Nachlass von Heinz Liers für die Ausstellung "Rhythmus und Variation" restauriert. Hier musste eine große Anzahl von Gemälden in kurzer Zeit für die Ausstellung vorbereitet werden. Jedes Gemälde war nur wenige Stunden in meinerObhut. Das Gemälde "Der Hl. Hieronymus in der Wüste" von Anthonis van Dyck aus dem 17. Jahrhundert habe ich im letzten Jahr viele Monate lang sehr intensiv bearbeitet. Wie lange eine Restaurierung dauert, hängt auch davon ab, wie kompliziert das zu bearbeitende Objekt ist.

Worauf muss man besonders achten?
Jacobsen: In erster Linie muss man jedes Objekt ganz individuell behandeln und betrachten. Es wird überlegt, was die Zielsetzung sein soll und darauf aufbauend ein Konzept entwickelt. Im vorletzten Jahr habe ich eine fast drei Meter breite Emporenbrüstung mit sehr vielen sich überlagernden Farbschichten bearbeitet. Wenn ich Schadstellen bearbeite, benutze ich bewusst nur Farben, die sich in der Löslichkeit und dem Material vom Original unterscheiden, um die originale Malschicht nicht zu beeinträchtigen bzw. zu verfälschen und um die Farbe wenn nötig wieder lösen zu können. Ziel ist es, die Originalität eines Objektes lesbar zu machen, ohne den Alterswert zu verfälschen. Zudem ist eine präventive Konservierung sehr wichtig. Sie dient dem Schutz vor Umwelteinflüssen.

Welche Werkzeuge und Materialien werden häufig verwendet?

Jacobsen: Neben Dingen wie Tageslichtlampen, einem Mikroskop zur genauen Untersuchung der Oberfläche eines Kunstwerks und einer Luftabsaugung zum Schutz vor gesundheitsschädlichen Lösungsmitteln und Chemikalien verwende ich kleine Werkzeuge wie Spachtel, Pinzetten, Skalpelle und viele unterschiedliche Pinsel. Zum Reinigen der häufig sehr sensiblen Oberflächen verwende ich Watte, die auf ein Bambusstäbchen gewickelt wird. Für das Ergänzen von Fehlstellen kann man Kittmassen aus Kreide und natürlichem Leim verwenden, manchmal kommen aber auch moderne Materialien wie Kunstharze zum Einsatz. Für die farbliche Ergänzung von Fehlstellen, das Retuschieren, nutze ich Pigmente und Naturharze, Aquarellfarben oder Harzfarben. Bei der Konservierung und Restaurierung von Gemälden und Holzskulpturen können die verwendeten Materialien nicht standardisiert werden, jede Oberfläche ist unterschiedlich und erfordert eine individuelle Behandlung und Anpassung der hinzugefügten Materialien. So habe ich einen ziemlich großen "Fundus" an Materialien und Werkzeugen, die ich zum Teil auch selbst herstelle.

Was war die bisher spannendste Restaurierung im Landesmuseum?

Jacobsen: Das Überraschendste was ich hier erlebt habe, war die Restaurierung des eben schon erwähnten Gemäldes von Anthonis van Dyck "Der Hl. Hieronymus in der Wüste". Diese Restaurierung war sehr zeitintensiv und benötigte eine ausführliche Untersuchung. Ich habe erst angefangen die Oberfläche zu reinigen und später alte Übermalungen und Überzüge, die stark vergilbt waren, abgenommen. Dabei ist mir im linken Bildbereich aufgefallen, dass dort Pinselstriche zu erkennen waren, die an der Stelle in der Form keinen Sinn ergaben. Nach einer Untersuchung und einer Röntgenaufnahme konnte man erkennen, dass sich unter der sichtbaren dunkelbraunen Farbschicht noch eine Figur befindet - ein Engel -, der irgendwann einmal übermalt wurde. Zu diesem Gemälde gibt es noch zwei Vergleichsobjekte in Stockholm und in Rotterdam. Bei denen ist dieser Engel, der bei unserer Variante übermalt wurde, deutlich zu sehen.

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